Vom Pück

Corollarii loco placuit hac vice subjicere his den wahrhafften Bericht von einem Knecht genant der Pück, welcher in den Schwerinschen Franciscaner Closter, da, wo jetzo die Cantzeley und Kornboden ist, gedienet, und zum Gedächtniß und augenscheinlichen Zeichen dieser Geschicht, eine große Kupfferne Kanne denen Minoriten Brüdern hinterlaßen hat, welche von den Einwohnern der Stadt biß auf den heutigen Tag noch genennet wird der Pück. Aus den Jahr-Büchern und Registern, auch von den alten Brüdern dieses Closters, hat man Nachricht, daß ehemals ein Guardian des Orts nach Lübeck wegen Verrichtung etlicher Geschäffte sich begeben, welchen wiederfahren, daß Er im Rückgehen, gegen den Abend auf unvorsichtigkeit, etwas vom Wege ab, und auf den Hofe Kleinen-Brüttz, zu einem Edelmann N. Halberstadt genandt, so dem Orden woll gewogen gewesen, gekommen ist. Dieser von Adel hatte auff seinem Hoffe, und insonderheit in einer Cammer lange Zeithero ein Teuffels Gespenst vermercket, welches die Leute im Hause Tag und Nacht also beschweret, daß sie selten dafür ruhig schlaffen könten. Der Herr deßelben Hofes gedachte bey sich selbst, siehe der Guardian und seine Mit-Brüder, beyde Geistliche Männer, sind anhero gekommen bey mir zu benachten, sollen demnach in die Cammer, alda der schändliche Geist die Leute Tag und Nacht verunruhigen pfleget, schlaffen, Ich will sehen, ob er ihnen auch Beschwerung zu machen sich unternehmen werde, und als er Sie nun freundlich auffgenommen, und gütlich tractiret hatte, sind sie zur rechter Zeit durch seinen Diener an den Ort, da sie schlaffen solten, geführet worden. Wie Sie allda hingekommen, haben sie im Vertrauen und nach verrichtetem Gebet zu GOTT, sich zur Ruhe nieder geleget.

Hiernechst fast mitten in der Nacht, ist der unsaubere Geist kommen, und hat die Leute zu molestiren und zu beunruhigen angefangen, also daß er durch seine Geschwindigkeit, das gantze Lager alsobald umgeworffen, und welche vorne meinten, daß sie auff dem Bette lagen, jetzo sich höchst verwunderten, daß sie darunter liegen thäten, welches wie es der Guardian vermerckte, sprach Er zu den Geist ›Laß uns zu frieden, denn wir seynd unter deiner Gewalt nicht, und du hast keine Macht über uns, versuche sonsten deinen Handel, wo du wilt, uns aber vergönne zu ruhen.‹ Aber der schalckhafftige Geist kam über eine Weile etliche mahl bald wieder, und verunruhigete Sie, wiewohl er ihnen nichts böses that. Da sagte der Guardian abermahl ›Mein guter Bruder halt doch frieden, und höre doch auff beschwerlich zu seyn, denn was ist dir damit gedienet, wann wir die gantze Nacht ungeschlaffen zubringen, und dahero gegen den morgenden Tag untüchtig gemacht werden, alsdann unsern Schöpffer seine schuldige Dienste zu thun und zu leisten.‹ Der böse Geist antwortete den Guardian wieder, alß er sich abermahl mit ihm in Worten eingelaßen, und darzu seinen Bruder genennet hatte ›Wilt du mich für deinen Diener miethen und bestellen, so will ich dir und deiner Brüder unverdroßener und williger Knecht, und du solt mein Herr seyn,‹ hierauff sagte der Guardian, ›vor dißmahl laß uns bleiben, doch wilt du mir dienen, so will ich dich miethen, aber was soll dein Lohn seyn?‹ Dieses alles sagte der Guardian, nicht als wann ers von Hertzen meinte, sondern redete allein die Worte, daß er den Geist wegschaffte. Der Geist aber war frölich wegen eines solchen Herrn und sprach zu ihm ›Du solt mir zu Lohn geben für meine getreue Dienste einen Rock von allerhand Farben, und voll Glocken, und mir denselben biß zu gelegener Zeit verwahren‹; welches der Guardian also zuthun angelobete. Da machte und bereitete ihnen der Geist selbst das Bette, damit Sie desto ruhsamer in Frieden schlaffen könten. Wie es nun aber war Morgen geworden, sagte er zum Guardian ›Ich will dein Knecht seyn; denn du hast mich gemietet, wilstu nun weg, oder wilst du noch etwas verharren?‹ Der Guardian antwortete ihn ›Es ist zwar numehro Zeit, daß ich bey meinen Brüdern zu Schwerin gegen Mittag wiederum angelange.‹ Da rieff der Geist, welcher oben auf dem Hause saß, Urlaub, und ich will mit dir. Aber der Guardian sprach darauff ›Wandere deine Wege, wandere nur immerhin, ich begehre deine Gesellschafft nicht.‹ Nachdem aber der Guardian ins Wohnhauß kam, fragte ihn der Herr des Hofes von Halberstadt, ob sie auch eine geruhsahme Nacht gehabt hätten, welchen der Guardian zur Antwort gab ›Gestrenger und vester Herr, zu Anfang der Nacht hatten wir keine Ruhe, denn der greuliche Geist ließ uns keine Weile zu schlaffen‹, und erzehlet ihn also darneben alles, was vorgelauffen war. Der Wirth sagte hinwiederum ›Ich wäre dieses boßhafftigen Geistes gerne loß, und wolte daß er an einem andern Orte möchte weggeschaffet werden, denn er beschweret und verunruhiget alle Leute, welche bey mir zur Herberge einkehren.‹ Der Guardian antwortete ihn wiederum ›Ich habe ihn zu unsers Convents Dienste gemietet, und ihm ein gewißes Lohn versprochen.‹ Da solches der Wirth hörete, erfreuete er sich derowegen sehr, danckte ihm dafür, sagend ›Lieber Vater, ihr habt Mir und alle den Meinigen einen angenehmen Dienst erwiesen, dahero, daß Ihr den schalckhafftigen Geist gemiethet habet.‹ Wie nun aber der Guardian sich zur Reise schickte und mit seinen Gefährten auff den Wagen saß, und nunmehro von des Halberstadts Hoffe nach Schwerin zu fahren anfing, saß der böse Geist auff des einen Thors-Flügel in gestalt eines Affens und sprach zum Guardian ›Herr nun will ich mit Euch reisen, denn ich bin euer Knecht.‹ Er aber antwortete, ›wandere nach dem Closter und laß uns das Mahl bereiten.‹ Wie der Geist diese Worte hörete, erhub er sich eilend und kömt ins Kloster, alda er zum Koche sagte ›Bereite das Eßen geschwinde, denn es werden gegen das Mittags-Mahl Gäste kommen,‹ der Koch aber, welcher die Stimme hörete, doch Niemand sahe, sprach ›Was sagest du und wo bist du?‹ Hierauff hörete er abermahl ›Richte das Eßen zu, richte das Eßen zu? Denn es werden Gäste kommen.‹ Als nun der Guardian zur Stadt einfuhr, erschiene ihn geschwinde der Geist, mit zwey vollen Kannen auff dem Thor, welches für Schwerin, auff dießeit der Schweinenburg, und sprach zu ihm ›Herr geliebt Euch nicht mit mir zu trincken?‹ Der Guardian ward hierüber betrübt, und ihm gereuete was Er gethan hatte, weil ihm des Teuffels Grim und Zorn bekandt war, sprach dannenhero bey sich selbst ›Siehe du hast den bösen Geist für einen Knecht gemiethet, vielleicht hat er sowoll wieder dich als deinen Brüdern etwas böses für, davon du Rede und Antwort geben must.‹ Doch ließ Er die traurigen Gedancken fahren, und antwortete dem Geist ›Ich bin noch nüchtern, mir beliebet noch nicht zu trincken.‹ Wie aber der Guardian ins Closter kam, lieff ihm der Geist am ersten entgegen und sagte ›Seyd willkommen mein Herr, seyd allezeit willkommen.‹ Da nun das Mittags-Mahl verrichtet war, sprach er weiter zu seinen Herrn ›Sehet, ihr habt mir einen Rock zugesaget, bitte derowegen, daß ihr denselben ohn Verzug verfertigen laßet, und hinweg leget, sonsten sollet Ihr keinen Frieden mit mir haben, und wan der Rock fertig ist, will ich, daß ihr alsdann denselben biß zur gelegener Zeit verwahret, ich will Euer Arbeit verrichten, was wollt ihr demnach, das ich zu euren Dienst thun soll?‹ Der Guardian antwortete ›So dirs gefällt, will ich daß du die Closter Brüder bey Nacht-Zeit zur Mette selbst auffweckest, aber du solt ihnen nichts böses thun.‹ Der Geist sprach ›Ihr habt mir ein gutes Amt anbefohlen, welches ich auch fleißig verrichten, und keinen Schlaff dafür nehmen will, denn ich schlaffe nimmer; Und was soll ich denn mehr thun?‹ Der Guardian sagte ›Du solt das Amt einer Wäscherin in der Küchen verrichten, das Küchen-Geräht und die Schüßeln waschen, die Töpfe saubern, und, was dem mehr anhängig, leisten.‹ ›Dieses alles will ich woll ausrichten,‹ sprach der Geist Pück, ›wilst du mir noch mehr Dienste aufflegen?‹ Der Guardian antwortete ›Ich will daß du alle und jede Brüder dienest, doch ohne Schaden.‹ Und der Geist Pück gelobte dieses alles zu halten. Nun begab es sich wie ich von etlichen Bericht genommen, daß nachdem das Closter abgebrant, wie noch solches an den Gebäuden der Kirchen und andern Häusern der Augenschein gibt, der Guardian zu wieder-Erbauung deßelben, zu einen von Adel verreisete, und demselben mit Fleiß ersuchte, daß Er den Closter-Brüdern mit etlichen Balcken, und andern Holtze, das Er genug hätte, behülflich seyn wolte. Wie derselbe nun fast drein willigte, sprach der Guardian ›Ich habe einen Knecht, der soll morgen kommen, und das Holtz niederfällen.‹ Darauff sagte der Edelmann ›was soll ein eintziger Kerl verrichten, Verordnet mehr dazu.‹ Der Guardian antwortete, Man bedürffte dazu nicht mehr, er solts allein woll verrichten, was zuthun ist. Da hat der Geist in derselben Nacht soviel Holtzes zur Erden gestürtzet, daß des folgenden Morgens, da der von Adell von Hoffe ging und sahe, daß in den Wald soviel Holtz gefället, sich drob entsetzte, und sagte ›Wer ist so kühne und vermeßen gewesen, der mir in einer Nacht so viel Holtzes hat niederwerffen dürffen?‹ Inmittelst kam der Guardian und sein Knecht mit vielen Wagen das Holtz auffzuladen. Welches da es der Edelmann sahe, sprach er zu ihm ›Vater was ist das, warum habt ihr aus eigener Gewalt und Willen so viel Holtzes niederfällen laßen?‹ Der Guardian antwortete ›Herr habt ihr nicht auff meine Bitte gewilliget, daß so viel als mein eigener Knecht in einer Nacht niederhauen könte, dem Convent zum Gebäuden dienen solte und das ist nun geschehen?‹ Der Edelmann sagte hinwieder ›Nicht also Vater Guardian, denn ob ich woll zuvor meine Bewilligung gegeben, so will ich doch, daß es mit dem Bedinge geschehe, nemlich daß Ihr einen Theil des Holtzes auffs Kloster mit den Wagen hinweg fahren, und mir den andern Theil verbleiben laßet.‹ Da begehrte der Guardian noch eine Bitte und sprach ›Herr wofern es euch gefällig ist, bitte ich nur allein so viel Holtz zu geben, alß mein Knecht auf einmahl weg bringen kan.‹ Alß der Edelmann solches einwilligte, war alsobald des Klosters-Knecht, der Pück, welcher alles Holtz in die Luft erhebete, und führete es mit Verwunderung davon. Da solches der Edelmann sahe, entsatzte er sich, und merkte, daß er betrogen war, sprach darauf ›Ich hätte nicht gemeinet, daß ein Knecht solte so viel Holtz wegbringen;‹ Aber zu denen, die bey ihm stunden, sprach Er ›Es ist ein unsauber Geist, der thut es durch seinen Knecht.‹ Dieses und anders mehr, so lachens würdig, wird von ihm erzehlet. Und dieser Knecht der Pück war mehr denn 30 Jahr in des Klosters Dienst. Endlich alß Er seinen Dienst vollendet, wie die meisten melden, wartete er auff eines Thum-Herrn zu Schwerin Abschied, welcher durch einen schleunigen Tod aus diesen Leben wegfuhr. Aber der Knecht kam hiernegst für des Guardians Thür, klopffete mit Ungestühmigkeit an, und forderte den Rock, welcher so lange her für seinem Lohn verwahret gewesen war, ihn zu geben. Der Guardian, welcher nicht woll zu frieden war, daß er Ihm so hefftig überlauffen thäte, sprach zum Geist ›was hast du für eine That wieder meinen Brüdern begangen daß du also eilend von uns abscheiden wilt? Ich habe die Mißgedanken von dir, daß du vielleicht etwas böses hast ausgerichtet.‹ Der Geist antwortete ›Vater es ist deinen Brüdern nichts Böses wiederfahren: derowegen gib mir den Rock so du mir versprochen, dafür ich so lange Zeit in deinen Diensten mit Fleiß auffwertig gewesen bin.‹ Hat ihm demnach den bunten Rock von allerley Farben und voll Glocken hingegeben, welchen er angezogen und sich damit empor, und in die Lufft gehoben, deßen großes Gethön und der Glocken Klang weit und breit über dem Kloster im herumfliegen gehört worden ist. Die eine Kanne hatte Er mit sich genommen, und die andere von Kupffer der seinen gleich, im Convent hinterlaßen, welche noch biß auff den heutigen Tag von den Einwohnern mit gewöhnlichen Nahmen geheißen wird der Pück.

Aus: Schwerinische Chronica von M. Bernardo Hederico (Rostock 1598), wo diese Sage dem zweiten Theil angehängt ist, mitgetheilt durch den Primaner R. Bröcker in Parchim; vgl. Niederh. 3, 207 ff. In derselben Chronik findet sich zum Jahre 1222 folgende Bemerkung: 1222. Zu diesen Zeiten wird die Erzehlung von dem Puec, welches Gespenst den Franziscaner Mönchen zu Sverin ge dienet haben sol, gerechnet. Vgl. auch Franck, Altes und neues Meklenburg I, 258: Kobolde, wir nennen sie Wöltercken (für Kobölterchen). Einer wurde aus Lütcken-Brütz nach dem Franziskanerkloster in Schwerin gebannt.

Quelle:
Karl Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg 1–2. Band 1, Wien 1879/80, S. 74-79.

Quelle:
http://www.zeno.org

 
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