Die Sprache der Elfen

 

"Wieviel Zauber liegt in der singenden, klingenden, schwingenden Stimme eines Elfen. Fast scheint es, als ob er mit zwei Stimmen gleichzeitig spräche, als ob die eine dieser Weit und die andere einer der lichtvollen Harmonien entspringe." "Die Besonderheiten des Isdira sind das Fehlen einer Grammatik und die Feinheit der Lautmelodie. Beispielsweise kanndas Wort 'var' gleichermaßen 'Behüter', 'behüten' und 'behütet' bedeuten - also Haupt-, Zeit- oder Eigenschaftswort sein. Hinzu kommt, daß viele Laute, insbesondere die Vokale, für ein Wort nicht direkt festgelegt sind. Der Elf benützt jene Laute, die der Satzmelodie, seinem Stil, seiner und der Zuhörer Stimmung, und der allgemeinen Lage am angemessensten sind. Dementsprechend haben Elfen ein ungemein feines Gefühl für Lautunterschiede. Die meisten Sprachlektionen zwischen einem Elfen und einem Nichtelfen beginnen damit, daß der Elf - nach Meinung des Schülers - ein Dutzend Mal das gleiche Wort wiederholt, während der darauf besteht, daß er alleine das 'a' in der Mitte jedes Mal unterschiedlich ausgesprochen hat. Bis heute kann ich, wenn man mir das Wort 'sala' sagt, daraus nicht entnehmen, ob wir 'in Sicherheit', 'zuhause' oder 'auf dem Versammlungsplatz' sind. Alleine das Verdunkeln der Vokale und das langsame Hinzukommen eine tiefkehligen Knurrens macht ein zufriedenes 'fey' oder 'fae' aus, ein freundliches 'feya', ein grimmiges 'feyra' oder ein brüllendes 'feygra' - mit einem Bedeutungswandel von 'ich', 'Freund', 'Feind'bis 'Unmensch'. Als besonders geeignetes Lehrbeispiel erscheint mir das Elfenwort 'ama' oder 'iarna', das ich, in 42 verschiedenen Aussprachen, mit Garethi-Begriffen wie Freund, Geliebter, Bruder, Lehrer, Geburtsinstrument, Gabe, Beziehung, Natur, Fauna, Schicksal und Sinn übersetzen muß. Wie die meisten Linguisten muß ich zugeben, daß ich auch nach jahrzehntelangem Studium des Isdira dessen Tiefe noch immer nicht annähernd ausgelotet habe." "Elben sind grundsätzlich dagegen, Dinge zu benennen, wie wir Menschen es tun, weil man diese Dinge damit ihrer Freiheit und ihrer Möglichkeiten beraubt. Um überhaupt miteinander sprechen zu können, ist es wichtig, den inneren Namen der Dinge zu kennen, mit dem sie sich in die Welten-harmonie einfügen. Das ist der Grund, warum so viele Elbenwörter als wahrer und echter als unsere eigenen Bezeichnungen erscheinen." "Hinzu kommt der typische reiche Wortschatz aller Völker der Wildnis, wenn es um deren Beschreibung geht. So erkennt der Elf natürlich in seinem Lebensraum zahllose entscheidende Unterschiede, wo der Fremde undifferenziert das gleiche Wort benützt. Was wir Menschen unterschiedslos als 'Aulandschaft' bezeichnen, benennt der Elf je nach Fruchtbarkeit, Bewuchs, Wasserverteilung, ja selbst Jahreszeit und Tageszeit mit 'biunda' (besonders fruchtbares Flußgrasland), 'dene' (feuchte Niederung, eher baumlos), 'alwa' (Flußufer) oder zwei Dutzend weiterer Begriffe. Der Waldelf kennt mindestens sechzig Wörter, wo wir im Garethi mit 'Wald', 'Forst' und 'Hain' sowie 'Wäldchen', 'Urwald' und ähnlichen Ableitungen auskommen. Und für viele firnelfischen Worte für 'Schnee' müssen wir gar auf nivesisches und thorwalsches Vokabular wie 'Neuschnee', 'Firn' oder 'Harsch' zurückgreifen, ohne dabei auch nur annähernd die gleiche Präzision zu erreichen. Ein Waldelf, dem du mitteilst, daß du neulich "im Wald eine besonders schöne Glockenblume gesehen hast", fühlt sich genauso genasführt wie ein Mittelreicher, dem du erzählst, daß du "in einer Stadt einen besonders großen Menschen getroffen hast".

"Die Schrift des Isdira ist ebenso eigentümlich wie die Sprache. Die 27 Schriftzeichen sind kunstvolle Schnörkel und Schleifen, offensichtlich dazu gedacht, in die gekrümmte Oberfläche von Ästen und Stämmen lebenden Holzes geprägt zu werden. Es gibt drei Gruppen von Zeichen: erstens die einzigen zehn Konsonanten, die das Isdira kennt, zweitens die elf grundsätzlichen Selbst- und Zwielaute, und drittens sechs Lautfrärbungen, die, mit den Lautzeichen vielfach verschlungen und kombiniert, der Lautfülle des Isdira gerecht werden. Für den Laien ist geschriebenes Isdira meist nicht zu erkennen, oft wird es einfach mit wunderschönen, verzierenden Gravuren verwechselt. Tatsächlich verbergen elfische Meister ihre Texte gerne zwischen rein ornamentalen Spiralen, Schleifen und Kreisfiguren. Die Schriftlichkeit der Elfenvölker scheint deutlich ausgeprägter zu sein als die der Menschen. Zwar können die wenigsten Waldelfen lesen und schreiben, die anderen Völker als direkte Nachkommen der Hochelfen jedoch sehr wohl."

 

vorherige Seite
Seitenanfang
nächste Seite
     
 
Cyberelfes Homepage